Aufstand der Aslywerber von der Saualm, 22.12.08

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Uns in Europa scheint es an Einfühlungsvermögen zu mangeln, an der Fähigkeit, uns in andere hineinzuversetzen. Anders kann ich mir die derzeitige Umgangsweise mit schwerst traumatisierten Menschen nicht erklären.

Die Tür öffnet sich, eine Frau betritt den Raum. Ein älterer Tschetschene begrüßt sie, „Welkommen!“ Zu diesem Zeitpunkt befinde ich mich schon seit zwei Stunden im Vorraum des Flüchtlingsreferates Kärnten, Völkermarkter Ring 21. Heute, am 22.12., sind alle sechzehn Flüchtlinge vom Asylheim auf der Saualm nach Klagenfurt gekommen. Sechzehn Asylwerber aus Tschetschenien, dem Iran, der Mongolei, aus Marokko und anderen Ländern haben kollektiv beschlossen zu streiken. Heute in der Früh haben sie all ihre Sachen gepackt – samt Fußbällen und Fernseher – und haben Taxis gerufen, die sie mit ihrem letzten Geld nach Klagenfurt gebracht haben. Schon seit dem Vormittag sitzen und stehen sie vor dem Flüchtlingsreferat und hoffen auf einen Termin. Doch niemand kommt, weder Hr. Steiner noch Hr. Dörfler, die für diese Thematik zuständig sind, lassen sich blicken. Per Telefon lässt Hr. Steiner ausrichten, dass er natürlich gekommen wäre, wenn er früher davon erfahren hätte, aber er ist auf Urlaub. Hr. Dörfler spricht im Nachhinein von einem „inszenierten Vorweihnachtszirkus“ der Grünen (Wenn das nicht pietätlos ist, Herr Landeshauptmann!).

Ich komme gegen 15h in das Gebäude. Ein junger Mann erklärt mir in sehr einfachem Deutsch, dass er schon dreimal wegen eines Arzttermins nach Klagenfurt musste, das Taxi kostet 50 Euro, er bekommt im Monat 40 Euro zur Verfügung. Als erstes kommen drei Leute von der Kleinen Zeitung, machen Fotos aus allen möglichen Perspektiven, filmen die herumstehenden Flüchtlinge und die Gespräche. Der Journalist stellt eine Menge Fragen an die paar, die ausreichend gut Deutsch sprechen: Was denn das Schlimmste an der Saualm sei? Die eindeutige Antwort: Dass der Arzt so weit entfernt ist. Viele wünschen sich, lieber vom Gericht verurteilt zu werden und eine absehbare Zeit im Gefängnis zu verbringen: denn die Zeit, die sie auf der Saualm verbringen sollen, ist nicht klar begrenzt, ein Jahr, drei Jahre, zwei Monate? Seit dem 1. Oktober wohnen Menschen – ausschließlich Männer – in dem ehemaligen Kinderheim. Der nächste Ort, Griffen, ist 16km entfernt; eines Tages haben sich ein paar auf den Weg dorthin gemacht: sechs Stunden zu Fuß. Ob das Essen gut ist, fragt ein Journalist von der KTZ. „Zu wenig“, antwortet einer. Kleine Zeitung, KTZ, Krone, ORF, Radio Agora – alle kommen vorbei und dokumentieren den Flüchtlingsaufstand. Mit der Zeit wird es eisig kalt, alle warten, aber niemand weiß so recht, worauf. Ein Interview folgt dem nächsten; viele der Asylwerber erzählen, dass sie in den Nächten nur ein paar Stunden unruhig schlafen können. Die Gedanken an den Krieg, die Folter, die menschlichen Verluste beherrschen die Nacht. Einer hat alle seine fünf Kinder an einem einzigen Tag verloren, ein anderer zeigt den Journalisten seinen vernarbten und verwundeten Oberkörper. Ich schaue weg, fühle mich hilflos, ein junger Mann kommt auf mich zu: „Bitte helfen. Kannst Du helfen?“ Ich habe nicht einmal eine Zigarette für ihn.
In der Zwischenzeit tauchen mehrere Polizisten auf, die dafür sorgen sollen, dass alles unter Kontrolle bleibt. Doch die Menschen sind ruhig, unterhalten sich, bibbern in der Kälte. Einer packt ein Brot aus, Salami und Speck; ein anderer ist froh um einen Schluck Wasser. Mehr haben sie nicht. Ihnen ist es wichtig, uns mitzuteilen, dass sie keine Kriminelle sind (und wenn sie kriminell sind, gehören sie vor das Gericht und in ein Gefängnis, betonen sie). Es herrscht Unverständnis: Anscheinend hatten sie ein Bild von einem reichen, grenzenlosen, schönen und vor allem friedlichen Europa, doch dann landen sie auf der Saualm, weit weg von der Zivilisation. Keine anderen Menschen haben sie um sich, außer der Pensionsbetreiberin, die ihnen kühl erklärt: „Ich nicht Taxi!“ Einer bietet mir Erdnüsse an und ich wünschte mir, dass ich besser Russisch könnte. Ein anderer erklärt mir, dass es zwar Dolmetscherinnen gibt, die seiner Meinung nach aber nicht gut und objektiv genug übersetzen. Ein muslimischer Tschetschene steht mitten in der Gruppe, doch er schweigt und hat eine Kette in der Hand. Er scheint zu beten. Langsam sind die Medien gesättigt, ich selbst darf in meiner Funktion als Referentin des gesellschaftspolitischen Referates auch ein kurzes Statement abgeben: Ich erwähne in erster Linie die Hilflosigkeit, die ich gegenüber den Asylwerbern empfinde. Überall im Gang stehen riesige Behälter mit alten Akten und Dokumenten, die vernichtet werden sollen. Ein Mann findet darin einen Werbeprospekt für Kärnten und mustert diesen genau. Ich beobachte ihn, wie er die Seiten umblättert: Blauer Himmel, blaue Seen, Paradies – was denkt er wohl von Kärnten?
Keine Lösung in Sicht. Die Asylwerber wollen unter keinen Umständen auf die Saualm zurück, im Landesflüchtlingsreferat können sie aber auch nicht bleiben. Weigern sie sich, in „ihr“ Heim zurückzukehren, fallen sie aus der Grundversorgung hinaus und sind dann völlig auf sich alleine gestellt. Einer ist 20, allein, ohne Familie nach Kärnten gekommen. Wir warten, drinnen und draußen, auf etwas Unbestimmtes. Ich höre mich um: Angeblich sollen Stadtpolitiker kommen. Wenig später kommt Rolf Holub von den Grünen und verbreitet Hoffnung: Es gibt genügend Plätze in der Jugendherberge. Hier können die 16 Männer eine Nacht lang bleiben, was danach geschehen soll, wird morgen ausverhandelt. Ich bin erschöpft und setze mich kurz auf die Bank in der Bushaltestelle; ein junges Pärchen sitzt neben mir, sie trägt einen Schal mit Leopardenmuster und einen weißen Minirock. Mit der Hand zeigt sie auf die fünf Polizisten und lacht, beide scheinen sehr glücklich zu sein. Während ich so dasitze, fährt mehrere Male ein voller Bus Richtung Ikea. Ich selbst war auch Weihnachtsgeschenke einkaufen, bevor ich hierher gekommen bin: von der Glitzerwelt der City Arkaden, wo an jedem Schaufenster „Fröhliche Weihnachten“ steht, wo alle noch hektisch nach Geschenken suchen, wo alles vermeintlich perfekt aussieht, direkt in eine andere Welt: in eine Welt der Folteropfer, der Hoffnungslosigkeit, der Verfolgung und Diskriminierung. Doch die Flüchtlinge geben nicht auf: In einem Verzweiflungsakt sind sie nach Klagenfurt gekommen und erhoffen sich hier eine Verbesserung ihrer Lage. Ein bisschen Menschlichkeit: Ist das wirklich zuviel verlangt? Holub organisiert drei Autos und ein Taxi, wir fahren gemeinsam Richtung Jugendherberge. Nur nicht daran denken, wie es morgen weitergehen wird.

Text und Fotos: Eva Wohlfarter, 22.12.08

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Bild von martinrutter

Danke fuer den Bericht...

es ist gut etwas von jemanden zu lesen den man kennt, da kamma sicher sein das es stimmt.

einen kleinen Zusatz, weil ich daneben war wie angerufen wurde. Rolf Holub hat dann einige AsylwerberInnen mit seinem PKW zu der Jugendherberge gebracht.Es hat sich ja sost keineR um sie gekuemmert....
schliesslich sind asylwerberInnen nur um draufschimpfen gut, ihnen wirklich helfen wollen nur wenige.

lg
schoene weihnachten

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weihnachten

...was nicht ganz stimmt. immerhin gab es drei autos und ein taxi, in die alle 16 asylwerber samt gepäck hineingepasst haben (und für mich war auch noch platz). und einige von der gaj (grünalternative jugend) haben essen gekauft, worüber sich die menschen sehr gefreut haben.
aber trotzdem: ich habe schon vorher nicht an den sinn von weihnachten geglaubt (nächstenliebe, friede, freude...blah), jetzt bin ich natürlich erst recht nicht in der glitzerflocken-schneetreiben-oh-wie-romantisch-stimmung.

liebe grüße, lep pozdrav,
Eva