Asylheim Saualm - ein Bericht

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Im Auto hören wir finnische Lieder. Ich genieße die Fahrt und das Landschaftspanorama und denke daran, wie ich am Tag davor bei meiner Klettertour auf Kärntner Felsen die Burg Hochosterwitz in mystischen Nebelschwaden gesehen habe. Bald haben wir die Autobahnabfahrt erreicht und schrauben uns den Hang hinauf, immer höher, vorbei an eigenartigen Ortsnamen und Marterln. „Hier gibt’s nichts...aber Hauptsache, ein Marterl“, kommentiert einer meiner Kollegen abschätzig. Ich, ein Stadtmensch, sauge das spätherbstliche Gelb der Bäume und die dunkelgrünen, feuchten Wiesen in mir auf. Gemeinsam mit einigen Studierenden der Publizistik besuche ich an diesem Samstag Ende November das Asylheim auf der Saualm. Von unserer Gruppe war außer mir noch niemand hier; und mein erster Besuch liegt schon mehr als ein Jahr zurück. Viel verändert hat sich dennoch nicht, es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Wir parken auf dem Gelände des Asylheims, obwohl mehrere grellgelbe Schilder dies verbieten, und schleichen über das Gelände. Jede/r von uns kennt das Haus aus den zahlreichen Medienberichten, die vor einem Jahr österreichweit und darüber hinaus für Aufruhr gesorgt haben: Von den Urhebern der Idee als „Sonderanstalt für mutmaßlich straffällige Asylwerber“, als „Zwischenlösung vor der Abschiebung“ (Petzner) gepriesen, wurde das Asylheim von vielen Menschen als „Vorstufe zum Konzentrationslager“ betrachtet – zumal der ehemalige Landeshauptmann Jörg Haider im Zusammenhang mit der Abschiebung von Asylwerbern das Wort „Endziel“ gebrauchte. Geplant war, auf etwa 1200 Meter Seehöhe die als „kriminell“ diffamierten Asylwerber einer „Sonderbehandlung“ zu unterziehen. Dass kaum einer der Männer im kriminellen Milieu unterwegs war, wurde geflissentlich übergangen. – Heute ist es um das Asylheim medial still geworden. Trotzdem wohnen zum Zeitpunkt unseres Besuches nach wie vor acht Menschen, davon vier Tschetschenen, drei Afghanen, ein Afrikaner und ein Mann uns unbekannter Nation, in dem ehemaligen Kinderheim. Frau Lechner, eine resolute ältere Dame und Besitzerin des Heims, spricht hingegen von elf Menschen, räumt aber ein, dass es eine große Fluktuation gebe. Hinter den Vorhängen des Speisesaals lugen ein paar neugierige Gesichter heraus, es ist gerade Zeit für das Mittagessen. Wir dürfen zwar nicht in das Gebäude, aber zumindest auf die Toilette, ungeheizt und verfliest. Ich erkunde den Gang um die Ecke und sehe auf der Wand einen gemalten Drachenwurm, der auf weißen Flecken Platz zum Notieren einer Ferienheim-Tagesordnung bietet, und kleine, bunte Handabdrücke. Sowohl Frau Lechner als auch der Security-Mann geben – im Gegensatz zu meinen Erfahrungen mit den früheren Besitzern – bereitwillig Auskunft. Die 76-jährige Frau Lechner erklärt uns, dass sie alleinstehend sei und eine Aufgabe brauche, aber „natürlich geht’s auch ums Geld.“ Sie betrachtet es als ihr Ziel, dass alles ruhig läuft und das Gelände nach der großen Müllentsorgungsaktion sauber bleibt. Und tatsächlich liegen keine Müllsäcke mehr hinter dem Gebäude, und vor der Eingangstür werden gerade Kanalräumungsarbeiten durchgeführt. Auch die Asylwerber verhalten sich nach ihren Angaben „ruhig“ und verweigern die Nahrung nicht. Ich finde eine ausgedruckte Hausordnung auf Kroatisch, Farsi und Russisch, außerdem Abfahrtspläne von Bussen und Bahnen: cijena vožnje, Fahrpreis 5 Euro – das täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass die nächsten größeren Siedlungen für die Asylwerber fast unerreichbar weit entfernt sind. Wir durchforsten das Gelände auf der Suche nach Fotomotiven und geeigneten Filmszenen; zwischen Kinderrutschen und Schaukeln liegt massenweise mit Flechten überzogenes Birkenholz herum, ein Fußballtor steht verloren am Gelände, die Wiese ist nährstofflos – der erste Schnee, mittlerweile wieder geschmolzen, hat die Wiese in eine gelb-bräunliche Matte verwandelt. Wir frieren schrecklich. Dann tritt ein junger Mann aus dem Gebäude, nennen wir ihn B., der nur Schlapfen, eine Jogginghose und eine dünne Weste anhat. Ein gefilmtes Interview verweigert er, aber er erklärt uns gerne in gebrochenem Deutsch, er sei aus Afghanistan und seit knapp eineinhalb Jahren in Österreich. Über Griechenland hat er Mitteleuropa erreicht, war in Traiskirchen, Graz, Wien und Kärnten; er wurde anscheinend von Pension zu Pension weitergereicht, bis er den positiven Asylbescheid erhielt. Eine ganze Weile erzählt er uns von der Lebenssituation auf der Saualm, obwohl er sich nur sehr schwer auf Deutsch ausdrücken kann: „Immer schlafen. Kalt und Regen. Keine Arbeit. Nur Schlafen gut, Essen gut, sonst nix gut.“ Er ist noch minderjährig und alleine, musste seine Familie in Afghanistan zurücklassen: „Nix Mama, nix Papa, nix Schwester...“
B. erwähnt immer wieder, wie wichtig eine Stadt für ihn sei, ob nun Völkermarkt oder Klagenfurt: „Stadt gut: Disco, spazieren, trinken Kaffee...brauche Stadt.“ Er möchte in den Supermarkt, eine Banane oder einen Apfel kaufen, ein bisschen Asylwerber-Luxus genießen; er wünscht sich einen Arzt, der in der Nähe ist, und einen Deutschkurs: „Sprechen, Lesen, das ist gut, Deutschkurs.“ Um in die ersehnte Stadt zu kommen, muss er ein teures Taxi bestellen, denn der nächste Bus geht erst ab Griffen/Grebinj, 13km entfernt. Der gelegentliche Besuch im Schwimmbad ist damit ein teures und zeitaufwändiges Vergnügen. Während wir in der Kälte zittern, versucht B., uns von der Situation in Afghanistan zu erzählen. Er sieht sein Land als einziges Problemfeld: „Afghanistan: machen kaputt. Das Problem. Ich komme nach Österreich.“ Teilweise sind seine Sätze unvollständig oder schwer verständlich, aber er scheint nur selten die Möglichkeit zur Kommunikation mit Unbekannten zu haben und redet gerne, auch wenn er sich häufig wiederholen muss.
Seine Mutter, versucht er weiter zu erklären, bleibe immer im Haus, während sich die Frauen hierzulande selbstverständlich auf der Straße zeigen könnten. Und hier könne er endlich in Ruhe schlafen: „Keine Bangbum hier: Schlafen....“ Ein anderer Asylwerber tritt vor die Türschwelle und redet mit B. in ihrer gemeinsamen Sprache; er kann sich auf Deutsch überhaupt nicht ausdrücken. Für uns wird es Zeit, wieder nach Klagenfurt zurückzufahren, wir verabschieden uns. Ich wünsche B. alles Gute, er antwortet: „Dir auch gut!“ – Wir sind alle durchgefroren und nur wenige von uns verlassen das Auto noch einmal, um das Asylheim von der Weite aufzunehmen. Die Sonne taucht die farblosen Wiesen plötzlich in goldenen Schein, während unten im Tal der zähe Nebel hängt. Der Mond steht hoch am Himmel, als wir bei Sonnenuntergang die Saualm verlassen: eine Kirche, Wolken, der erste Schnee auf der gegenüberliegenden Koralpe. Und trotzdem sind wir alle erleichtert, als wir auf die Autobahn auffahren. Obwohl der Kollege am Steuer im Schnitt 120km/h fährt, erreichen wir die Uni Klagenfurt erst nach einer halben Stunde; insgesamt waren wir vom Asylheim aus 50 Minuten unterwegs.

Text und Foto: Eva Wohlfarter
Siehe auch: http://www.oeh-klagenfurt.at/node/1150

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